Ich komm auf Deutschland zu!

4.2.2018

Ich habe gerade dieses Buch von einem syrischen Flüchtling gelesen. Ich muss sagen, ich war schwer beeindruckt. Zum einen über die humorvolle Art, in der er seine Geschichte erzählt, zum anderen aber über die doch eigentlich ziemlich verharmloste Darstellung dessen, was er in seinem Heimatland eigentlich alles erleben musste.

Ich weiss nicht genau, wie man das Leben, was einige Menschen ertragen müssen eigentlich den Menschen, die so behütet leben wie wir, erklären kann. Unsere Großeltern, die den Horror des Krieges erfahren haben, sind nun fast alle nicht mehr da. Und eigentlich haben sie uns Enkeln zu wenig davon erzählt, wie so Krieg wirklich ist. Wenn der Tod durch gezielte Gewalt normal geworden ist. Wenn man den Feind einfach nicht mehr als Menschen sehen kann. Wenn ein Menschenleben generell einfach nicht mehr einen wirklichen Wert darstellt. Wie will man das jemandem hier erklären.

Ich mag den Ansatz von Firas. Er geht offen auf Menschen zu. Er lässt sich nicht von Vorurteilen überrollen.

Ohne Beweis glaube ich nichts. Ich habe es nicht selbst gesehen? Dann kann es stimmen oder auch nicht. Mein Onkel in Deutschland glaubt dem syrischen Staatsfernsehen. Viele Deutsche glauben den Bildern in den Medien. Ich glaube eine Menge, aber sicher nicht, was ich nur irgendwoher gehört oder gelesen oder im Fernsehen gesehen habe - und schon gar nicht, was mir irgendwer über irgendwen erzählt. Zu oft habe ich am eigenen Leib erfahren, was Gerüchte auslösen können.

Diese Einstellung täte vielen Menschen heutzutage gut. Vor allem mit den Dingen, die wir über soziale Netzwerke aufschnappen. Ich gebe mir jedenfalls Mühe und versuche mehr zu verstehen, wie Menschen denken, auch wenn ich es dann manchmal nicht gutheissen mag. Solange niemand anderes geschädigt wird, sollte man doch froh sein, dass wir so ein freies Land haben.

Was mich dann auch noch ziemlich beeindruckt hat, war die Geschichte von seinem einjährigen Neffen:

... aber als plötzlich so viele große Kerle, einige mit dicken Muskeln und Tattoos, um ihn versammelt sind, bekommt er es nicht mit der Angst zu tun, wie ich es vielleicht täte, wenn mich fünf Typen mit Sonnenbrille und Bomberjacke umringen würden, nein: Der Kleine strahlt über das ganze Gesicht und genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Anwesenden in vollen Zügen - und beweist uns mal wieder: Die Angst vor Fremden lernen wir erst später. Wenn wir klein sind, wollen wir nur Schokoladeneis und Freunde. Aber wollen Erwachsene das nicht im Grunde auch?

Vielleicht sollte wir alle einfach öfter mal Schokoladeneis (oder auch Vanille oder Zitrone ...) kaufen und mit wildfremden Menschen teilen.

Ich kann jedenfalls nur empfehlen das Buch einmal zu lesen. Es ist sehr kurzweilig und trifft häufig ins Schwarze. Mich hat es mal wieder sehr nachdenklich gemacht.

Autor: Falk Kühnel